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Zur Gittertäuschung von Spot 06

Eine Beobachtung
Über den Aussparungen im schwarzen Liniennetz liegen helle Kreisscheiben, welche subjektive Konturen aufweisen. Die Leuchtdichte dieser Scheiben ist scheinbar etwa 250% im Vergleich zum weissen Hintergrund.
Über den Aussparungen im weissen Liniennetz liegen geschwärzte Scheiben, welche scheinbar nur halb soviel Licht abstrahlen wie der Hintergrund.

Erklärung
Es ist bewiesen, dass diese Helligkeitstäuschung erst nach der Interaktion der beiden Sehnerven in den höheren Regionen des visuellen Kortex und nicht auf der Netzhaut entsteht (wie beispielsweise die Verdunkelungen und Aufhellungen an den Kreuzungsstellen des klassischen Hermann-Hering-Gitters) [1].
Das im Bild gezeigte Phänomen der Scheinkanten (Ehrenstein-Illusion) sowie die Kanisza-Figuren [3] werden durch den sogenannten T-Effekt [2,5] ausgelöst: Es existieren nämlich Verbände von Nervenzellen, welche auf Linienenden (sogenannte Terminatoren) reagieren und die Schnittlinie analog zum Querbalken des Buchstabens T prophylaktisch und ohne weitere Anhaltspunkte erzeugen. Jeder Schnitt könnte ja auf eine Überdeckung einer im Vordergrund liegenden Figur hinweisen, und die Erkennung einer Gefahr muss möglichst schnell erfolgen. Falls verschiedene T-Stücke eine prägnante Figur andeuten (z.B. Kreis, Quadrat, Dreieck), wird die subjektive Kontur im Kopf gezeichnet und das Innere der Figur mit der aufgehellten resp. abgedunkelten Hintergrundfarbe automatisch eingefärbt [3].

Ehrenstein-Täuschung

Eine Aufforderung zum aktiven Sehen
Unsere dynamische Inszenierung der Ehrenstein-Täuschung zeigt ein zusätzliches Phänomen: Die das Bild betrachtende Person kann subjektiv beeinflussen, was sie sehen möchte. Wenn sie sich einbildet, dass die imaginären Figuren quadratisch sein sollen, so sieht sie auch Quadrate, im entspannten Zustand hingegen nimmt sie lieber Kreise war. Kreise haben die höchste Symmetrie und geben einer Figur die stärkste Prägnanz. Quadrate haben weniger Symmetrie-
Ehrenstein-Täuschunngeigenschaften und weisen in der Gestalttheorie eine Prägnanz 2. Ordnung auf.Interessant ist auch die Wahrnehmung der grösseren Figuren auf der drittuntersten Linie. Zwei sich scheinbar überdeckenden Kreise werden weniger häufig gesehen als ein liegendes Rechteck. Unsere visuelle Intelligenz meidet eine unnötige Komplexität. Sobald die Abmessung einer Aussparungen nicht mehr wesentlich grösser als die Liniendicke ist, findet ein Krieg zwischen dem T-Effekt und dem prägnantesten Objekt statt. Das Resultat ist ein Oval.
Die Lücken des klassischen Ehrenstein-Gitters werden im Zusammenhang mit der Erforschung des Neon-Effektes sehr häufig mit farbigen Strichen ergänzt [4] (man vergleiche dazu auch einige Bilder im Anhang von Spot 05). Der T-Effekt kann sich bei abruptem Farbwechsel ebenfalls ausbilden. Die subjektive Figur wird unter gewissen Bedingungen zur Bühne für den Neon-Effekt.

Literatur:
[1] Spillmann L, Fuld K, Gerrits H, 1976
Brightness contrast in the Ehrenstein Illusion
Vision.Res. 16 713-719
[2] Nakayama K, Shimojo S, Silvermann G H, 1989
Stereoscopic depth: its relation to image segmentation, grouping,
and the recognition of occluded objects
Perception 18 55-68
[3] Kanisza, G. (1979)
Organisation in Vision. Essays on Gestalt Perception, Praeger.
[4] Redies C, Spillmann L, 1981
The neon color effect in the Ehrenstein illusion
Perception 10, 667-681
[5] Peterhans E, Heydt R von der, 1989
Mechanisms of contour perception in monkey visual cortex. I. Lines of pattern discontinuity, II. Contours bridging gaps
Journal of Neuroscience 9 1731-1763
01.06.2002